Für viele Menschen ist Inklusion immer noch ein Fremdwort, mit dem sie wenig anzufangen wissen. Zumeist wird Inklusion auf die „Integration“ von Menschen mit Behinderung reduziert. Selbst viele Akteure aus der Behindertenszene diskutieren den Begriff recht oberflächlich und separierend, von den Vertretern aus Wirtschaft und Politik ganz abgesehen, die hier überwiegend ihr ganz eigenes Süppchen kochen. Dabei hat die „UN-Behindertenrechtskonvention“, die in Deutschland 2009 in Kraft trat, ein eindeutiges Zeichen gesetzt: Inklusion ist ein Menschenrecht. Die Politik, so die UN-Konvention, hat den offiziellen Auftrag, die Gestaltung einer inklusiven Gesellschaft vorzubereiten. Dazu ist es natürlich notwendig, dass wir uns alle erst einmal ein stimmiges Bild davon machen, was Inklusion wirklich ist:

  • Inklusion ist keine Spezialkonvention, sondern die Konkretisierung der vorhandenen universellen Menschenrechte.

  • Wir ALLE sind „behindert“. Ob körperlicher, mentaler, sozialer, kultureller, emotionaler, empathischer, finanzieller oder/und struktureller Natur. Viele Barrieren finden in den Köpfen statt.

  • Wir brauchen einen grundlegenden gesellschaftspolitischen und strukturellen Wandel sowie eine differenzierte Auseinandersetzung, was sich hinter Bewusstsein, Wahrnehmung, Kommunikation und den scheinbaren Realitäten überhaupt verbirgt.

Inklusion umfasst alle Aspekte, die das Leben in einer komplexen Gesellschaft ausmachen: die sozialen wie die bildungspolitischen, die wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen ebenso wie die persönlichen, zwischenmenschlichen und kollektiven Themenbereiche. Sie dürfen nicht länger getrennt voneinander gesehen werden, sondern müssen als Ganzes wahrgenommen und angenommen werden, da sie nun einmal in Beziehung zueinander stehen. Inklusion betrifft uns ALLE!

Letztlich geht es um unser Bewusstsein, welches in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ebenso seinen Ausdruck findet wie auf gesellschaftspolitischem Gebiet. Wir Menschen sind ein Konstrukt unserer jeweiligen psychologischen, emotionalen, sozialen und kulturellen Konditionierungen. Viele Unzugänglichkeiten und Missverständnisse entstehen, wenn wir unsere subjektive Wahrnehmung zur objektiven Realität machen und uns mit dieser identifizieren. Weit verbreitete Glaubenssätze wie „aufgrund einer Hörschädigung kann man keine Musik machen“, „Ich habe kein Talent“ oder “So ist die Realität“ machen deutlich, dass wir Menschen generell dazu neigen, uns scheinbar alternativlose Denkbarrieren anzueignen. Die große Aufgabe ist es, sich immer wieder aufs Neue der möglichst wertfreien und ergebnisoffenen Vielfalt an Möglichkeiten hinzugeben. Und so das Leben aktiv zu gestalten.

Inklusion ermöglicht ein neues Verständnis und Erleben im zwischenmenschlichen Miteinander. Inklusion beinhaltet alle Facetten des Seins, auch wenn wir Menschen diese nur begrenzt erfassen können. Inklusion schafft neue individuelle und kollektive Realitäten, die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern einander bedingen.

Mein Traum von Inklusion ist radikal. Radikal kommt von radix, die Wurzel. Zu Ende gedachte und gelebte Inklusion kollidiert mit unserer stark neoliberal geprägten Leistungs-, Konsum- und Wachstumsgesellschaft. Derzeit sind wir Weltmeister, unter anderem im separierenden Wahrnehmen, Handeln und Tun und elitären konsumierbaren Wohltätigkeitskultur-Entertainment-Promi-Gehabe. Vorurteile, Ängste, ein unklares Selbstwertgefühl sowie unsere „gesellschaftlichen Realitäten“ führen noch immer dazu, dass Menschen in einer isolierten Welt leben und somit viele separierende Mikro-Kosmen aufgebaut werden. Im Zeitalter der Ich-AGs darf aus ICH und DU gerne (wieder) ein „Wir-sind-miteinander-verbunden-Bewusstsein“ entstehen. Vielfalt leben.

Verbunden mit dem Potenzial der „ganzheitlich gelebten Inklusion“, leitet sich eine „neue Beziehungskultur“ ab. Alles steht zu- und miteinander in Beziehung. Persönliche Themen und Prozesse, zwischenmenschliche Begegnungen, unser Konsumverhalten welches überwiegend auf globale Ausbeutung basiert, unser Umgang mit der Natur und vieles mehr.

Die Gedanken um den Begriff Inklusion sind nicht neu, im Gegenteil. Der aktuelle „Inklusions-Hype“ bietet jedoch die Chance – auf Grundlage einer ganzheitlichen Bewusstseinsdebatte – neue notwendige zukunftsweisende gesellschaftspolitische Prozesse und Strukturen sowie die „Gesellschaft von morgen“ in die Wege zu leiten. Inklusion ist JETZT!

Mischa Gohlke (Initiator & Projektleiter „Grenzen sind relativ e.V.“, Musiker, Projektmanager, Dozent, Speaker, Autor und Mensch)